Schöne Literatur

Magazin für klassische Bücher | Ein Service der Buchhandlung SCHOPF | gegr. 1909 | Inh. Dietrich Wienecke | Brunsbüttelkoog | Tel. 04852-2382

Warum noch Bücher?

Bücher haben Würde. Ihre Verbindung aus Geist und Materie führt zu einer völlig anderen Qualität der Aneignung als jede digitale Information.

Bücher waren für Jahrhunderte das Gedächtnis der Menschheit und zugleich deren wichtigstes Informationsmedium. Heute findet man praktisch jede Information auch im Internet oder als Text für elektronische Lesegeräte. Warum sollte man da noch zum gedruckten Buch greifen? Die Antwort ist einfach, und jeder echte Leser kennt sie aus Erfahrung:

Lesender Junge… weil ein Text zum Freund und Begleiter nur werden kann, wenn er sich in irgendeiner Form materialisiert hat! Für Alltagsfragen mag das Internet genügen. Für Texte, Bilder und Gedanken, mit denen man lebt, mit denen man wächst und an denen die Persönlichkeit reift – von Bobo Siebenschläfer über Astrid Lindgren bis zu Goethe und Montaigne -, für diese Texte braucht man auch weiterhin Bücher aus Fleisch und Blut, pardon, aus Papier und Druckerschwärze.

Als flüchtiger Schatten auf dem Bildschirm hinterlassen Informationen keine Spur im Gehirn. Und so mühelos sie am Computer herbeigezaubert werden, so schnell sind sie wieder vergessen. Möglichkeit und Wirklichkeit des Lernens im Netz fallen weit auseinander. Bücher führen  zu einer anderen Qualität der inhaltlichen Auseinandersetzung. In ihrer Verbindung aus Geist und Materie schaffen sie einen lebendigen Kontext an Assoziationen, als „begreifbares“ und abgeschlossenes Medium ermöglichen sie eine ganzheitliche Beschäftigung und eine nachhaltige Aneignung.

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Zwischen der Mühe, einen Text aufzuzeichnen, und seiner literarischen Beständigkeit gibt es einen geheimnisvollen Zusammenhang: dem Zauber der Manessischen Liederhandschrift kann sich niemand entziehen, Luthers Bibel-übersetzung prägt seit Jahrhunderten die deutsche Sprache und Shakespeares Dramen werden ebensolange auf der ganzen Welt gespielt und gelesen. Textdateien im PC sind dagegen schon für die nächste Software-Generation verloren, und E-Mails haben wohl kaum eine Chance, bedeutenden Briefwechseln im kulturellen Erbe nachzufolgen.

Marshall McLuhan, der große Denker der Medienwelt, formulierte im Jahr 1964: „Das Medium ist die Botschaft“. Danach müßte die Botschaft von Bildschirmmedien lauten: Technikabhängigkeit, Aufmerksamkeitsflimmern und Schnipsel-Content mit einer Halbwertzeit, die hirnphysiologisch nicht mehr verarbeitet werden kann. Die Botschaft von Büchern ist seit Jahrhunderten unverändert: strukturiertes Wissen ohne technischen Ballast und entschleunigter Geist nach menschlichem Maß.

Leser am KaminDie menschliche Natur wird heute von denselben Anlagen und Bedürfnissen bestimmt wie vor tausend Jahren. Technische Innovationen prägen zwar unseren Alltag, aber Reichtum und Fülle der Persönlichkeit entwickeln sich nach wie vor am besten mit alten Kulturtechniken. Und das Lesen gedruckter Bücher gehört seit Jahrhunderten dazu.

Dietrich Wienecke, im Januar 2013