Schöne Literatur

Magazin für klassische Bücher | Ein Service der Buchhandlung SCHOPF | gegr. 1909 | Inh. Dietrich Wienecke | Brunsbüttelkoog | Tel. 04852-2382

Vom analogen Leben

… wie ein Winzer, der einige Trauben vom Weinstock schneidet, um die ganze Kraft der Rebe in den übrigen Trauben zu konzentrieren …

Johann Joseph Schmeller: Goethe diktiert seinem Schreiber John, 1829/31

Goethe diktiert seinem Schreiber John (Bild von Johann Joseph Schmeller, 1829/31)

Geht es wirklich nicht ohne? Ist ein Leben ohne Google, Facebook und WhatsApp zwangsläufig arm und kümmerlich, abgeschnitten von den Pulsadern der modernen Welt? Oder wartet hinter digitaler Reizüberflutung möglicherweise ein reicheres und schöneres Dasein? Lange habe ich letzteres vermutet, seit Ostern 2012 probiere ich es aus: Computer benutze ich nur noch als Schreibmaschine oder als Zettelkasten, vor allem für diesen Blog. Briefe schreibe ich wieder mit Papier und Tinte, elektronische Medien meide ich. Wie sich dieser Lebensstil bewährt und wie sich Bücher dabei als verläßliche Informationsfilter und Mittel der Entschleunigung herausstellen, darüber möchte ich an dieser Stelle berichten.

Was die Welt Fortschritt nennt, ist vermutlich von jeher ein Tausch gewesen: Tausch eines sichtbaren Vorteils gegen einen unsichtbaren (meist langfristigen) Nachteil. Im Informationszeitalter tauschen wir Frequenz gegen Amplitude unseres Daseins, also die Menge an Informationen, Kontakten und Ereignissen gegen Qualität, Dauer und Tiefe des Erlebens. Man kann auf spiegel.de Zeitung lesen, bei amazon einkaufen und über Facebook Freunde treffen: alles greifbare Vorteile digitaler Kommunikation. Aber wer kann diese Vorteile nutzen, ohne zugleich seine Aufmerksamkeit zu zerstäuben und seinen Alltag zu fragmentieren? Die Daten, die multimedial auf uns einströmen, und die Kapazität des menschlichen Gehirns passen einfach nicht mehr zusammen.

Unmerklich richtet sich das ganze Leben auf digitale Medien aus. Sie werden vom Diener zum Herrscher, ihr anfänglicher Segen wird auf Dauer zum Fluch. Wichtige Bausteine der Persönlichkeit wie Ruhe und Geduld, Sublimierung und Reife verschwinden, wenn alle Fragen im Netz sofort geklärt und alle Gedanken sofort geäußert werden müssen. Die Inflation des Daseins endet erst, wenn man die Langsamkeit und Begrenztheit analoger Kommunikation als Filter für Relevanz begreift. Eine solche “Entscheidung 2. Ordnung” möchte ich für mein Leben treffen. Man kann nicht überall sein, ich bin wieder offline.

Der Entschluß bedeutet Verzicht und Disziplin. Für zahlreiche Kontakte muß ein analoger Weg gefunden werden. Gewohnte Informationsquellen versiegen mit einem Schlag. Das erzeugt Streß und Frustration. Beim Durchhalten hilft die Gewißheit, daß technische Hürden inhaltliche Qualitätsfilter sind und technische Hilfsmittel oft das Gegenteil. Digitale Nachrichten sind zuerst eine Arbeitserleichterung, aber gerade deshalb explodiert ihre Zahl, während ihre Relevanz verfällt. Umgekehrt bürgt schon die Mühe, mit der ein handgeschriebener Brief verfaßt wurde, für seine Bedeutung.

Weinrebe

Winzer, die einige Trauben vom Weinstock schneiden, um die ganze Kraft der Rebe in den verbliebenen Trauben zu konzentrieren, sind mein Vorbild, wenn ich auf digitale Kommunikation verzichte. Schon nach wenigen Wochen stellt sich ein Gefühl der Heilung ein – so als wäre ein Leck geschlossen und eine permanente Gefahrenquelle beseitigt. Gibt es neue Nachrichten? Erwartet jemand eine Antwort? Verpasse ich gerade etwas? Nein. Anstatt rund um die Uhr fremdgesteuerten Impulsen zu gehorchen, gestalte ich meinen Tag wieder selbst. Wie ein sturmgebeugter Baum, der sich an einem windstillen, klaren Tag wieder aufrichtet.

Dietrich Wienecke, im Januar 2013